Laden...
Sie sind hier:  Home  >  Aktuell  >  Aktuelle Artikel

Typisch Russland: Wodka – bester Freund und ärgster Feind der Russen

Von   /  2. Mai 2010  /  Keine Kommentare

    Drucken       Email
Wodka_P72290011

Von Eugen von Arb

Wodka ist der Inbegriff für Russland. Wenn die Russen feiern oder trauern, steht traditionsgemäß mindestens eine Flasche des klaren Schnapses auf dem Tisch. Während Westeuropäer das “Wässerchen” vorwiegend als Bestandteil von Drinks oder als pikanten und eiskalten Aperitif kennen, darf er den Russen nicht zu kalt sein und wird hier je nachdem in rauen Mengen getrunken oder nur zum Anstoßen und als Hausmedizin benutzt.

Entgegen der Legende werfen die Russen (zumindest in halbnüchternem Zustand) niemals ihr Schnapsglas hinter sich oder auf den Boden. Viel wichtiger ist zu jedem Glas der passende Trinkspruch. Der erste Toast geht klassischerweise auf die Freundschaft oder die Begegnung, denn Russen trinken nicht gerne allein. Der zweite ist üblicherweise der Gesundheit und der dritte den “schönen Damen” gewidmet, wenn sie nicht negativer Auslöser für das Saufgelage sind.

Das klassische russische “Wässerchen” wird aus Roggen gebrannt und darf lediglich 2-3 Prozent andere Getreidearten enthalten, in keinem Fall aber Kartoffeln, wie oft zitiert. Außerdem kann die Maische mit Waldkräutern oder Honig zusätzlich gewürzt werden. Der mit Wasser auf 40 Prozent verdünnte Alkohol wiegt gemäß Rezept des Chemikers Dmitrij Mendelejew von 1894 genau 953 Gramm pro Liter.

“Widerliche und furchtbare Trunksucht in Russland”

Seit dem Beginn des Wodkabrennens in Russland im 15. Jahrhundert beschäftigt der Wodka den russischen Staat. Einerseits bildet die Steuer, die auf jede Flasche erhoben wird, eine sehr wichtige Einnahmequelle. Andererseits ist der Alkoholismus schon seit je her eines der ganz großen Probleme des Landes. “Und wenn man die weite Welt ringsum umschritte, nirgends fände man eine so abscheuliche, widerliche und furchtbare Trunksucht wie hier in Russland”, schrieb im 17. Jahrhundert der Chronist Juri Krischanitsch. Daran hat sich nicht viel geändert – offiziell sind heute 2,3 Millionen, inoffiziell rund sieben Mal mehr Russinnen und Russen Trinker.

Im Gegensatz zu anderen Ländern, wo der Anteil an hartem Alkohol gegenüber leichteren Spirituosen rund einen Drittel ausmachen, führt der Wodka in Russland mit rund zwei Dritteln. Krankheit, Tod, Verwahrlosung, Gewalt und Kriminalität, sowie niedrige Fruchtbarkeit und Lebenserwartung bei Männern sind die Folgen. Das weit verbreitete Trinken am Arbeitsplatz verursacht zusätzlichen wirtschaftlichen Schaden. Bereits zu Sowjetzeiten versuchte der Staat durch Verbote und harsche Kontrollen die Trinkerei in den Griff zu bekommen.

Zwangsabstinenz-Aktionen führen zu Schwarzmarkt

Aber die Zwangsabstinenz-Aktionen, wie sie zuletzt 1986 von Michail Gorbatschow gestartet hat, hatten lediglich einen gewaltigen Alkohol-Schwarzmarkt und einem Anstieg der Kriminalität zur Folge. Gleichzeitig sank die Qualität des russischen Wodkas rapide und die Importe nahmen zu. Der Handel mit schwarzgebranntem und gepanschtem Wodka führte außerdem zu vielen Vergiftungen. Mittlerweile versucht man das Problem mit gemäßigteren, aber nicht weniger umstrittenen Bestimmungen zu begrenzen, so ist seit Juni 2007 dieses Jahres in Petersburg der Verkauf von Alkohol nachts ab 23 Uhr verboten.

Stimmen aus dem Volk zum Thema Wodka und Alkohol:

Natalia C., Juristin

Obwohl man in Russland an jedem Fest, bei jeder Begrüßung oder Einweihung, anstößt, trinke überhaupt keinen Wodka, sondern viel lieber ein Bier oder ein Glas Rotwein. Vielleicht mag ich Wodka nicht, weil ich während meiner Kindheit in einer Hafenstadt miterlebt habe, wie sich die Seeleute betrinken. Ich habe auch gesehen, wie ihre Frauen ihre Trunksucht ertragen mussten, und das hat mich abgestoßen. Die Frau eines Alkoholikers zu sein, ist in Russland ein Beruf. Es trinken aber nicht nur die Männer, ich kenne Frauen, die sich oft stark betrinken. Ich mag es nicht, die Kontrolle über mich zu verlieren, deshalb trinke ich niemals viel. Vermutlich ist Wodka deshalb so populär, weil viele Russen denken, dass es das einzige reine Getränk ist, das man kaufen kann – und natürlich weil es die billigste Möglichkeit ist, einen Rausch zu bekommen. In Russland sagt man: “Eine Flasche Wodka ist zu viel, zwei Flaschen sind zu wenig”. Viele sagen, sie brauchen den Alkohol, um sich zu entspannen, aber ich glaube sie trinken viel eher, weil sie nichts zu tun haben oder einfach nicht fähig sind, mit ihrem Leben etwas anzufangen.

Alexander K., Elektroingenieur

Wodka ist ein ausgezeichnetes Getränk – alle Probleme entstehen nur durch die Menschen, die in trinken. Man sagt, der Wodka bringt dem Klugen Glück, dem Dummkopf Unglück und dem Kranken Gesundheit. Ich liebe den Wodka, weil ich Russe bin, er ist für uns so wichtig wie die Muttermilch. Die Tradition des Trinkens hat bei uns religiösen Charakter und ist tief in unserer orthodoxen Kultur verwurzelt. Es gilt nicht als große Sünde, denn auch viele Geistliche trinken. Meine Eltern sind keine Alkoholiker, aber ich habe gelernt, Wodka zu trinken. Noch heute trinke ich manchmal 200 Gramm vor dem Essen. Jede Generation hat wieder eine andere Beziehung zum Trinken. Ich erinnere mich, wie ich in den Siebziger Jahren als Student manchmal ein oder zwei Gläser getrunken habe. Damals waren gute Lebensmittel knapp, und man lebte bescheidener. Es genügte mir, einfach nur am Wodka zu riechen, und sein Aroma einzuatmen. Heute gibt es alles im Überfluss. Wodka ist ein gefährliches Getränk. Zuerst beginnt man, im vernünftigen Rahmen zu trinken, aber man weiß nie, was daraus werden kann. Dank des Alkohols sind mir selbst schon viele Dummheiten passiert. Manche meiner Freunde und Angehörigen sind Alkoholiker – es ist eine schwere Krankheit.


Anna T., Krankenschwester

Früher habe ich ziemlich viel getrunken, aber weniger Wodka, sondern vor allem Bier. Ich glaube, dass sehr viel von den Vorbildern abhängt, die man in seiner Jugend hat – wenn schon die Eltern trinken, kennt man einfach nichts Anderes. Allerdings gibt es auch Fälle, bei denen jemand in schlechte Gesellschaft kommt und zu dadurch trinken beginnt, obwohl er eigentlich aus unproblematischen Verhältnissen stammt. Unter Jugendlichen ist manchmal der Gruppendruck sehr groß. Wenn jemand nicht mitmacht, bekommt er Sprüche in der Art “Willst Du vielleicht heim gehen und Bücher lesen?!” zu hören. Überhaupt wird in Kamtschatka, wo ich herkomme, sehr viel getrunken. Ein Grund dafür ist wohl, dass die Menschen im Leben sehr wenig Perspektiven haben und es sehr viele Arbeitslose gibt. Man sagt dort: “Entweder wirst Du Matrose, Polizist oder Taxifahrer”. Als ich hierher gekommen bin, habe ich mich dazu entschlossen, keinen Alkohol mehr zu trinken. Nur bei besonderen Gelegenheiten trinke ich, aber nur ganz wenig. Eigentlich bedeutet mir Alkohol nicht viel, darum fällt es mir auch nicht schwer. Mir ist aufgefallen, dass die Jugendlichen heute vor allem Bier trinken. Manche von ihnen sagen: “Es ist ja nur Bier, davon kann man nicht abhängig werden” – dabei ist Bier genauso gefährlich wie Wodka. Ich denke, es ist sinnlos, etwas gegen den Alkoholismus in Russland zu unternehmen. Wenn jemand nicht aufhören will, zu trinken, dann kann man ihn kurieren wie man will, er wird sich danach wieder genau so betrinken.

Weitere Artikel zu diesem Thema:

russland.tv: Russische Schnapsidee – Wodka in Pulverform

    Drucken       Email

Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

Kommentar verfassen